Precht: "Nicht alles Neue ist auch gut"

Text/Quelle: Jürgen Stilling /Westfälische Nachrichten (WN) vom 7.9.2019. Foto: Gunnar A. Pier (WN)

Seine Thesen sind unterhaltsam, manchmal provokant, aber in der Regel für die Gesellschaft der Bundesrepublik relevant. „Die messbare Seite der Welt ist nicht die Welt“, öffnete der Honorarprofessor und Philosophie-Entertainer Richard David Precht manchem Zahlengläubigen die Augen. Precht war am Freitag Gast der Handwerkskammer Münster – als erster Redner der neuen Vortragsreihe „Zukunftsräume“. Lange Haare, Lederstiefel – wie ein typischer Professor tritt er nicht auf, aber so kennt man den Autor und TV-Star.

Provokative Sidesteps
Es sollte um Digitalisierung gehen, das Trendthema der Zeit. Doch Precht schweift – wie es sich für einen Philosophen gehört – ab: Die Batterietechnologie der E-Autos sei der falsche Weg. Stattdessen verlangt der Philosoph gleich, auf Wasserstoff zu setzen. Und eine weitere Provokation lässt nicht lange auf sich warten: „Der Online-Handel muss mit einer Extra-Mehrwertsteuer von 25 Prozent belegt werden“, verlangt Precht. „Denn nicht alles Neue ist auch gut.“ Mit den Einnahmen sollten, so der Vorschlag des Querdenkers, die Kommunen in die Lage versetzt werden, die Innenstädte wieder aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken. In seiner Geburtsstadt Solingen habe er erlebt, wie heruntergekommen Städte ohne hochwertigen Einzelhandel aussehen.

"Wir sind eine verspätete Nation"
Doch auch zur Digitalisierung hat der Professor, der in Lüneburg und Berlin lehrt und forscht, viel zu sagen. Wie schon bei der Industrialisierung im 19. Jahrhundert liege Deutschland auch bei der Digitalisierung wieder im internationalen Vergleich zurück. „Wir sind eine verspätete Nation.“ Und genauso wie die Welt 1870 keinen Bezugspunkt mehr zum Jahr 1770 hatte, werde jetzt durch die Digitalisierung ein totaler Wandel stattfinden. „Das wird ein Umbruch in gleicher Größenordnung“, so Precht.

Die Folgen der Digitalisierung sind dramatisch. Das scheint unvermeidbar zu sein. Precht erwartet ein Millionenheer von Arbeitslosen und gleichzeitig einen extremen Fachkräftemangel. Gebraucht würden künftig IT-Experten („aber nur Super-Programmierer“) und viel mehr Menschen in Empathie-Berufen – etwa in der Altenpflege und an der Rezeption hochwertiger Hotels. „Schulen sind vor allem wichtig, um diese soziale Kompetenz zu erlernen“, so Precht, „die benötigt man auch im alltäglichen Leben.“

Handwerk vor neuer Blüte
Dem Handwerk bescheinigt der Philosoph ebenfalls rosige Zukunftsaussichten: „Das Handwerk ist Digitalisierungsgewinner“, glaubt Precht, weil hochwertige Handarbeit auch langfristig nicht von Automaten übernommen werden könne. „Die Heizung wird auch in Zukunft nicht von Robotern repariert.“ Das sieht auch Hans Hund, Präsident der Handwerkskammer Münster, so: „Das Handwerk ist auch in Sachen Digitalisierung Teil der Lösung und nicht Teil des Problems.“

Kein Verlust: Wegfall langweiliger Arbeit
Die gravierenden Strukturbrüche am Arbeitsmarkt sieht Precht mit einem lachenden und einem weinenden Auge: „Es ist nicht schlimm, dass langweilige Arbeitsplätze wegfallen“, erklärte er am Rande der Veranstaltung im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich freue mich, dass mein Kind nicht unter Tage arbeiten muss.“ Aber: Die deutschen Sozialsysteme drohten dadurch zusammenzubrechen. Der 54-Jährige schlägt deshalb vor, ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden in Höhe von 1500 Euro einzuführen. „Allerdings nicht sofort, sondern erst nachdem der Umbruch stattgefunden hat.“ Doch damit sind laut Precht bei weitem nicht alle Probleme gelöst. „Neben einem Einkommen braucht ein Arbeitsloser eine Aufgabe.“ Wer keinen Plan für den Tag habe, werde unglücklich. „Doch das Generieren von Plänen kann man lernen – dafür ist die Schule zuständig“, forderte der prominente Bestseller-Autor („Wer bin ich – und wenn ja wie viele“).

Starke Arbeitsplatzverluste erwartet der Philosophie-Professor vor allem bei Versicherern und Banken, weil dort die Arbeit vieler Menschen digital zu ersetzen ist.

Dies könnte dich auch interessieren. 

Arbeitswelt im Wandel: die 4 großen Megatrends

Gehalt minus Miete: Wo bleibt am meisten übrig

Wie wichtig ist ein Master für meine Zukunft?