Karrierestart mit Ü50: Erfahrungen einer außergewöhnlichen Absolventin

Bild:  Dr. Renate Bothur (Mitte) und Team in Kabul.

Text/Quelle: Pia Schrell/studi-info.de. Foto: privat.

Sie hat mit ihrem Mann Entwicklungshilfe in Saigon geleistet, war in Hofuf (Saudi-Arabien) und der Oase al Hasa dabei und lebte in Liberia sowie im Iran. Sie war als Medical Officer für die United Nation Iraq Kuwait Observation unterwegs und als Ärztin für die United Nation Assistance Mission in Afghanistan im Einsatz.


Dr. Renate Bothur ist alles, aber nicht langweilig. Wer nun eine Ärztin Anfang 40 erwartet, der irrt sich. Denn so ungewöhnlich wie ihre Tätigkeiten ist auch die Vita, auf die die inzwischen 75-Jährige zurückblicken kann und sie denkt nicht im Ansatz ans Aufhören. Denn ihre Medizinkarriere startete sie mit 54 Jahren als Ärztin im Praktikum in der Lungenfachklinik Heidhausen. Heute, mit 75, steht sie noch immer mit beiden Beinen im Leben und arbeitet.

Karrierestart mit 54 Jahren
Viele ihrer Kollegen freuen sich auf den Ruhestand und hätten mit Burnout zu kämpfen, sagt die Medizinerin. Dr. Bothur nicht: „Das ist wahrscheinlich der Vorteil, wenn man erst spät mit einem Beruf startet“, sagt sie und lacht. „Zuhause waren wir sechs Kinder, ich bin quasi aus dem Nest gefallen.“ Von dem Tag an, ist sie in der Welt unterwegs: Sie ging als Au Pair nach Bradford, arbeitete als Krankenschwesternhelferin in Kanada und begleitete ihren späteren Mann, der als Ingenieur arbeitete, bei zahlreichen Auslandseinsätzen unter anderem auch in der Entwicklungshilfe. Auch ihre Kinder brachte sie fernab von Deutschland, in Saudi-Arabien, in Al Khobar, zur Welt.


Da wundert es nicht weiter, dass sie zurück im Ruhrgebiet dachte: Das kann es noch nicht gewesen sein! „Ich habe dann mit 44 Jahren am Ruhrkolleg in Essen mein Abitur nachgeholt und mit meinem Medizinstudium begonnen“, sagt die inzwischen promovierte Ärztin.

"Ein bisschen komisch war es schon": Examen mit Ü50
Zwei ihrer neuen Kommilitonen kannte sie zu diesem Zeitpunkt schon, denn sie ging zusammen mit ihrem Sohn und der Schwiegertochter an die Universität Duisburg-Essen. Mit über 50 Jahren machte sie ihr Examen als Medizinerin. Ein bisschen komisch war es manchmal schon, gesteht sie. „Aber mein Sohn und ich haben uns nur manchmal im Audimax gesehen. Wir hatten zum Beispiel Anatomie zusammen, aber da haben wir natürlich nicht an der gleichen Leiche gearbeitet“, sie lacht erneut mit dieser frischen, fast jugendlichen Leichtigkeit. Als viele Semester später ihre Doktorarbeit geschrieben werden musste, recherchierte sie, na klar, nicht in Deutschland, sondern im King Faisal Hospital in Ryiadh, Saudi-Arabien.

Wichtige Erfahrungen nach Studium im Alter
Die Ärztin, die inzwischen zurück in Essen ist und hier lebt, bringt so schnell nichts aus der Fassung. „Das wäre schlecht“, sagt sie. „Wer in den Irak und nach Kabul geht, der sollte keine Angst haben.“ Und genau das machte sie. Bereits 2002 war sie im Irak für die Malteser im Einsatz. Dort lernte sie auch die Kollegen kennen, mit denen sie einige Jahre später ihre eigene Praxis im German Medical Center Kabul aufbaute. Ihre Klinik in Duisburg, in der sie in der Not- und Zentralambulanz arbeitete, stellte sie in dieser Zeit für ihre humanitären Einsätze frei.

Für humanitäre Einsätze von Klinik freigestellt
„Ich bin mit meinen 36 Kisten hingeflogen und habe dort meine Praxis aufgebaut. „Die medizinische Versorgung war katastrophal, aber man wächst dort hinein.“ Doch wer sich behandeln lassen wollte, der musste erst mal an bewaffneten Securities mit Kalaschnikows vorbei. „Es war Krieg, wir brauchten Wachschutz.“ Gewalt und Mord waren allgegenwärtig. „Du gewöhnst dich daran, dass du dich nicht frei bewegen kannst“, sagt Bothur.

„Es ist schade, dass so viele mit 65 Jahren aufhören zu arbeiten“
Ihre Geschichte ist außergewöhnlich. Aber Bothur möchte auch anderen Menschen Mut machen, die sich im höheren Alter für ein Studium entscheiden: „Es ist schade, dass so viele mit 65 Jahren aufhören zu arbeiten.“ Wer sich wirklich für ein Studium im Alter interessiert, der sollte es unbedingt wagen, findet die Medizinerin.

Dass Absolventen Ü50 noch einmal in ein neues Erwerbsleben starten, ist dabei nicht der Regelfall, aber durchaus möglich. „Natürlich gibt es einige Hürden“, sagt Dr. Renate Bothur. „Manche denken, da kommt die Professorin und dabei bist du nur eine ganz normale Studentin, so wie deine Kommilitonen auch.“ Auch das Lernen sei im Alter anders, als noch in jungen Jahren.

Motivation der Schlüssel zum Erfolg
Aber mit einer guten Portion Motivation sei alles machbar. „Ich habe auch junge Leute kennengelernt, die es nicht geschafft haben. Das hat nicht zwingend etwas mit dem Alter zu tun. Es reicht eben nicht, wenn der Vater Arzt ist, man muss es wirklich wollen!“

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