Die unternehmende Universität in den Niederlanden

Text/Quelle: Martin Borck/ Westfälische Nachrichten (WN) vom 23.07.2019. Foto:Modelfoto: Colourbox.de

Wer im Internet die Preise von Unterkünften vergleicht, landet schnell auf der Website Booking.com. Dass diese Plattform im niederländischen Enschede, knapp zehn Kilometer von der deutschen Grenze entfernt entwickelt wurde, weiß hierzulande kaum jemand. Booking.com ist nur ein Beispiel für erfolgreiche Firmen, die im Osten der Niederlande gegründet wurden. Unterstützt werden viele Start-ups von der Universität Twente (UT). Als technische Hochschule wurde sie nach dem Zusammenbruch der Textilindustrie 1964 gegründet.

Start-ups werden gefördert: Beispiele
Forschung und Wissenschaft im Elfenbeinturm – davon hielt Harry van den Kroonenberg, ab 1979 Rektor der Uni, gar nichts. Er prägte den Begriff „unternehmende Universität“, die eine enge Verzahnung mit der Wirtschaft vorsah. Studierende sollten unternehmerisch tätig werden.

Dieser Gedanke schlägt sich im TOP-Programm der Stiftung Novel-T nieder: Vielversprechende, innovative Spin-offs erhalten günstige Darlehen. Wie zum Beispiel „20Face“. Die Firma bietet eine

Gesichtserkennung 4.0
Gesichtserkennungssoftware an. „Sie arbeitet besser als die der Konkurrenz“, sagt Geschäftsführer Peter Hoek­stra. Im Fußballstadion in Almelo wird sie schon eingesetzt: Die Einlasskontrolle für die Mitarbeiter des Fußballclubs erfolgt schon über Gesichtserkennung. Später kommen die normalen Besucher mit Saisonkarte hinzu – vorausgesetzt, sie geben ihre Zustimmung.

Die Einsatzmöglichkeiten der Gesichtserkennung sind quasi unbegrenzt: Autositze, die sich automatisch und individuell auf den Fahrer einstellen, Smart-Fernseher, die wissen, ob das Programm für den jugendlichen Zuschauer geeignet ist und gegebenenfalls ausschalten.

Innovativer Lärmschutz
Weiteres Beispiel: 4Silence. Die junge Firma präsentiert eine Lösung, den Verkehrslärm deutlich zu vermindern: „Wir lenken den Lärm einfach um“, erläutert Geschäftsführer Eric de Vries das System. Geräusche entstehen durch das Rollen der Autoreifen auf dem Asphalt. Die Wellen breiten sich zum Straßenrand hin aus und erzeugen den Lärm. In dem von 4Silence entwickelten System stoßen die Schallwellen auf Betonelemente. Diese sind mit Schlitzen versehen, die die Geräuschwellen vertikal nach oben entweichen lassen. Die Lärm­emissionen sinken um 2,5 bis vier Dezibel. Niedrige Lärmschutzwände verbessern diesen Wert weiter; Wände, die statt der üblichen drei nur anderthalb Meter hoch sind und das Landschaftsbild weniger beeinträchtigen. „In den Niederlanden ist das System geprüft und genehmigt; die deutschen Behörden müssen diese Ergebnisse noch validieren“, sagt de Vries. Dann steht einem Einsatz hierzulande nichts mehr im Wege. Noch im Sommer soll in Bayern ein Test an einer Bahnstrecke durchgeführt werden.

Medizin und Gesundheit im Fokus

Das High-Tech-Unternehmen Demcon, nur einen Steinwurf von der UT im Wissenschaftspark entfernt, ist ein weiteres Pflänzchen aus dem Biotop. Ein Unternehmensschwerpunkt liegt auf der Entwicklung medizinischer Systeme.

Auf diesem Gebiet ist die Universität selbst stark: Das Technical Medical Centre hat sich zu einem international führenden Innovationsstandort entwickelt, „mit 1500 Studenten und 400 wissenschaftlichen Mitarbeitern“, sagt der geschäftsführende Direktor Remke Burie. Die Hälfte der jüngsten Spin-off-Unternehmen der Uni widmen sich dem Thema Gesundheit: Biomedizin und molekulare Bildgebung sind Herausforderungen, die auch in Projekten mit der Universität Münster angegangen werden.

Die wissenschaftliche Bedeutung für die Region zeigt sich auch darin, dass sich auf dem Campus sowohl eine Dependance des Fraunhofer-Instituts als auch des Max-Planck-Instituts für komplexe Fluiddynamik angesiedelt haben.

Das Innovationsklima wird zudem durch sogenannte Fieldlabs gefördert. Das sind praxisnahe Umgebungen, in denen Unternehmen und Wissenseinrichtungen Lösungen für die Smart-Industry entwickeln und umsetzen. Mit geringerem Risiko.

Dies könnte dich auch interessieren:

Ist ein duales Studium etwas für mich?

Warum es sich lohnt ein Werkstudent zu sein

Was ist bei einem Studium in den Niederlanden anders?

Richard David Precht: Gedanken zu Zukunft und Digitalisierung