Lebenslanges Lernen sorgt für Kontakte im Alter

Im Alter wird es deutlich ruhiger um einen. Familie und Freunde leben weit weg oder sind eventuell sogar schon tot. Eine Möglichkeit neue Kontakte zu schöpfen, ist das Studium im Alter.

Text/Quelle: Vera Szybalski und Bernadette Winter / Westfälische Nachrichten (WN) vom 4.5.2019. Foto: Modelfoto: Colourbox.de

Es ist häufig ein schleichender Prozess. Man verabschiedet sich in den Ruhestand, verliert seinen Ehepartner, dann stirbt die beste Freundin aus Kindertagen. Die Freunde werden weniger und weniger. Neue Bekanntschaften zu schließen, immer schwieriger. Während manche Menschen mit dem Alleinsein gut klarkommen, fühlen sich andere einsam. Ein Vorschlag: „Geh doch in einen Sportverein oder zum Seniorennachmittag.“ Die gut gemeinten Ratschläge helfen aber nicht immer weiter.

Bei Stefanie Oberfeld landen Menschen, deren Einsamkeit zur Krankheit geworden ist. Die Oberärztin im Clemens-Wallrath-Haus der Alexianer in Münster behandelt ältere Menschen, die unter Depressionen, Essstörungen, Schwindel, Schlafstörungen oder anderen psychosomatischen Krankheiten leiden. Einsamkeit im Alter betrachtet sie als großes Problem. Aber nicht jedes Alleinsein bedeutet Einsamkeit. Oberfeld unterscheidet zwischen Alleinsein, Isolation und Einsamkeit. Mit einer Stoppuhr lässt sich die Zeit festhalten, die Menschen alleine oder isoliert verbringen. Beides ist messbar. Anders verhält es sich mit Einsamkeit. „Das ist ein Gefühl. Das hat nichts mit Quantität, sondern Qualität zu tun. Es gibt Menschen, die ganz viele Kontakte haben und sich trotzdem einsam fühlen, weil die Qualität der Kontakte nicht stimmt.“

Mit steigendem Lebensalter nehmen die sozialen Kontakte ab
Ab einem Alter von 30 Jahren geht etwa alle fünf Jahre eine Person im Freundeskreis verloren. „Die Clique verstreut sich in alle Himmelsrichtungen, verschiedene Lebensentwürfe machen es schwierig, den Kontakt zu halten“, erklärt der Sozialwissenschaftler Eckart Hammer, Professor an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Bis zum 75. Lebensjahr nähmen Studien zufolge soziale Kontakte immer weiter ab, ergänzt der Altersforscher Sven Voelpel von der Jacobs University Bremen. „Meist beschränken sich diese dann auf einmal pro Woche.“

Stefanie Oberfeld ist überzeugt, dass sich zu wenige Menschen die eigene Situation bewusst machen – bis es zu spät und das soziale Netz auf ein Minimum geschrumpft ist. „Ich habe den Eindruck, dass Einsamkeit ein gesellschaftliches Problem ist, das zunimmt – über alle Altersstrukturen bei Erwachsenen hinweg“, sagt die Psychiaterin, die auch Neurologin und Psychotherapeutin ist. Wer für das Studium, die Ausbildung oder den neuen Job in eine andere Stadt zieht, tut sich schon mal schwer, Anschluss zu finden. Dennoch fällt es jüngeren Menschen leichter, neue Leute kennenzulernen. Zumal Seminare, Vorlesungen oder der Kollegenkreis Kontaktmöglichkeiten bieten, die im Ruhestand meist nicht mehr vorhanden sind. „Je älter Menschen werden, desto schwerer fällt es ihnen, sich auf Neues einzulassen“, sagt Oberfeld. Sie empfiehlt deshalb: „Man sollte frühzeitig üben, sich Neuem zu stellen und sich selbst anzunehmen. Die Fähigkeit, wirklich Freunde zu haben, muss man lernen. Das ist ein lebenslanges Lernen.“

Familie ist kein Allheilmittel
Die Familie ist dabei kein Allheilmittel. Wenn ein Elternteil seinen Partner verloren hat, vielleicht noch selbst erkrankt und Kinder ihre Eltern zu sich holen, kann das Einsamkeit nicht immer verhindern, warnt Oberfeld. „Das scheitert oft, weil alte Menschen erleben, dass sie plötzlich abhängig sind.“ Kinder und Eltern sprechen häufig nicht über ihre Erwartungen. Sie vergessen, dass sie 30, 40 Jahre lang nicht mehr unter einem Dach gelebt haben. „Eltern haben das Gefühl, ihren Kindern dankbar sein zu müssen, für alles, was sie tun. Dabei sind sie nicht immer glücklich.“

Einsamkeit im Alter habe viel mit Abhängigkeit zu tun, sagt Oberfeld: „Fragen wie ‚Mutter, hast du die Tabletten schon genommen? Kann ich dir helfen?‘ heißen immer: Du kannst es nicht alleine. Das ist eine Riesen-Ohrfeige. Dabei meinen es die Kinder gut.“ Eine Familie habe viel Gutes, aber auch ihre Schattenseiten. Vor allem ersetzt sie Freunde nicht, die man sich anders als die Familie aussucht. Die Kontakte sind unverbindlicher, damit auch weniger verpflichtend. Dass sich ältere Menschen einsam fühlen, hat insbesondere bei Männern auch den Hintergrund, dass sie „häufig Kollegen mit Freunden verwechseln“, konstatiert Eckart Hammer. „Wenn sie aus dem Beruf ausscheiden, gehen die meisten scheinbaren Freunde verloren.“ Männer hätten eher funktionale Netzwerke. Sie wissen, wo sie handwerkliche Unterstützung finden. Frauen führten häufig intensivere Beziehungen, die sich stärker auf die Familie oder die Nachbarschaft fokussierten.

Aktiv nach Kontakten suchen
Wer im Alter neue Freunde kennenlernen will, muss sich Gelegenheiten schaffen: von der Volkshochschule über Tanzkurse bis zu Bildungsveranstaltungen oder einem Studium im Alter. Auch Hunde helfen bei der Kontaktaufnahme. Franz Müntefering regt an, Bewegung und Begegnung zu verbinden und etwa einem Senioren-Sportverein beizutreten. Der ehemalige Vizekanzler engagiert sich als Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen. „Wer sich zweimal die Woche trifft und gemeinsam spazieren geht, lernt garantiert neue Menschen kennen“, erläutert er. „Die sind dann zwar alt und die sind vielleicht auch komisch, aber besser mit komischen Leuten spazieren gehen als alleine zu Hause sitzen.“

In einen Sportverein gehen, sich sozial engagieren, sich an der Skatrunde beteiligen – das ist manchmal leichter gesagt als getan. Stefanie Oberfeld vergleicht das mit der Situation, als Neuer in eine Schulklasse zu kommen: „Das ist immer ein bisschen komisch.“ Das erleben junge Menschen genauso wie ältere. „Wenn die Mutter nicht zum Spielenachmittag gehen will, dann sollte man sich fragen, warum macht sie das nicht.“ Vielleicht steckt Angst, im Mittelpunkt zu stehen, dahinter. Oder die Sorge, nicht mit offenen Armen empfangen zu werden. Einsame Menschen hätten nicht selten das Gefühl, zu versagen. Sie fragen sich, warum sie nicht genügend Kontakte haben, warum sie keiner mag. „Das ist ein Teufelskreis“, sagt Oberfeld. Besonders, wenn die Person tatsächlich schon zurückgewiesen wurde, traue sie sich gar nicht erst, zu einer Veranstaltung zu gehen. Die Oberärztin rät: Wer sich einsam fühlt, sollte darüber offen mit der Familie, vielleicht auch mit dem Hausarzt sprechen. „Man darf sich nicht schämen.“

Wenn sich ältere Menschen einsam fühlen, spielt auch fehlende Mobilität eine Rolle. Schon die 100 Meter zur nächsten Bushaltestelle können ein Problem sein. Wer schlecht zu Fuß ist, aber im dritten Stock wohnt und keinen Fahrstuhl im Haus hat, verlässt die Wohnung seltener. Wenn die beste Freundin schlecht hört, werden auch die Telefongespräche seltener. „Das Leben zentriert sich auf die eigenen vier Wände“, sagt Oberfeld. Dabei braucht jeder Mensch Anerkennung durch Dritte. „Je weniger Beziehungen ich habe, desto weniger Anerkennung erfahre ich, desto einsamer bin ich.“

Anfangen und Losgehen
Deshalb bleibt am Ende nur eins: Losgehen und neue Leute kennenlernen. Oberfeld schlägt vor, eine Liste mit Interessen zu erstellen und es dann wie im Kindergarten zu machen. Dahin begleiten Eltern zu Beginn ihre Kinder. Wenn Mutter und Vater im Seniorenalter angelangt sind, ist es umgekehrt. Die Kinder könnten ihre Eltern auffordern, zusammen zu einer Veranstaltung zu gehen, rät Oberfeld: „Man geht lieber zu zweit in eine neue Situation.“


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