Erziehungskünstler mit Job-Garantie: der Waldorf-Lehrer

Text/Quelle: Anke Beimdiek / STUDI-Info Sommersemester 2019. Foto: Freie Hochschule Stuttgart.

Lehrermangel ist ein flächendeckendes Problem, das auch freie Schulen betrifft. Aber wie wird man eigentlich Waldorf-Lehrer? Und was steckt hinter der Pädagogik von Rudolf Steiner?

An Klischees über Waldorfschulen mangelt es nicht. Wer denkt dabei nicht zuerst an Buchstabentanzen und Brotbacken? „Wir freuen uns aber, dass Waldorfschulen immer bekannter werden und immer mehr Menschen anziehen“, sagt Professor Dr. Tomáš Zdražil von der Freien Hochschule Stuttgart. So mancher, der sich intensiv mit dem pädagogischen Grundgerüst auseinandersetze, finde dort Lösungen auf die Probleme des öffentlichen Schulsystems, sagt er.

Keine Noten, weniger Leistungsdruck
Die Unterschiede zu staatlichen Schulen sind nicht gering: In der Waldorf-Pädagogik gibt es beispielsweise keine Noten, dafür aber individuelle Beurteilungen, in denen die Lehrer auf die Persönlichkeitsentwicklung und Fortschritte ihrer Schüler eingehen. Alle lernen von der ersten bis zur zwölften Klasse in einer Klassengemeinschaft unabhängig vom angestrebten Schulabschluss – Sitzenbleiben gibt es nicht, Leistungsdruck soll genommen werden.

Klassen-, Fach- oder Oberstufenlehrer
Die Freie Hochschule in Stuttgart ist eine von zwei und die älteste staatlich anerkannte Einrichtung in Deutschland, an der angehende Waldorf-Lehrer studieren. Fünf Jahre dauert das Master-Studium Waldorf-Pädagogik, das die Absolventen dazu befähigt, als so genannter Klassenlehrer zu arbeiten.

Diese unterrichten Hauptfächer wie Mathematik, Deutsch, Geschichte, Biologie, Physik, Chemie und führen Schüler von der ersten bis zur achten Klasse. Ausgenommen sind Fremdsprachen, Sport, Musik, Eurythmie (Bewegungskunst) sowie handwerkliche und weitere künstlerische Fächer, die von Fachlehrern unterrichtet werden.

Ab der neunten Klasse unterrichten dann Oberstufenlehrer die Hauptfächer. Ihre fachliche Qualifikation haben sie in der Regel durch ein Studium eines schulrelevanten Faches erworben. Das Referendariat, das angehende Lehrer an staatlichen Schulen absolvieren, entfällt. Schließlich verbringen Waldorf-Lehrer einen Teil ihres Studiums bereits in vielen Praktika an der Schule, können ein Praxis-Jahr an ihr Studium anhängen und werden anschließend an den Schulen in der Regel intensiv begleitet.

Die Waldorf-Lehrerbildung habe zudem das Ziel, die Lehrkraft in die Lage zu versetzen, als Lehrer-Persönlichkeit erziehungskünstlerisch zu wirken, sagt Professor Zdražil. „Ein aktiv-tätiger Entwicklungskünstler wird man, indem man immerfort an seiner eigenen Ausdrucks- und Wahrnehmungspalette weiterarbeitet.“

Studiengebühren werden fällig
Waldorfschulen sind Schulen in freier Trägerschaft, die Ausbildung findet unter anderem ebenfalls an freien Hochschulen statt, die staatlich anerkannt sind. Das heißt auch, dass für Studenten Studiengebühren fällig werden. An der Freien Hochschule Stuttgart sind das derzeit 1.950 Euro jährlich.

Weltweites Arbeiten möglich
Wer das Studium erfolgreich absolviere, habe eine „Job-Garantie“, sagt Professor Zdražil. Die Pädagogik nach Rudolf Steiner wird heute an mehr als 1200 Schulen weltweit praktiziert, davon sind rund 240 in Deutschland. „Es gibt hierzulande Bedarf an 500 bis 600 Lehrkräften pro Jahr.“ Mit einem Abschluss könne man aber auch an jeder Waldorfschule in der Welt unterrichten.

Hintergrund:Waldorfpädagogik.
Waldorfschulen bauen auf dem Menschenbild des Philosophen und Pädagogen Rudolf Steiner (1861–1925) auf. In „Epochen“ wird im „Hauptunterricht“ je drei bis vier Wochen lang täglich eines der Hauptfächer gelehrt, dabei spielen sinnliche Elemente – rhythmisches Sprechen, Singen, Bewegung – eine große Rolle. Starke Schwerpunkte liegen auf handwerklichen und musischen Fächern.

 

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