Münsters Medizinstudenten lernen in einzigartigem Simulationszentrum, der Limette!

Text / Quelle: Elmar Ries / WN Westfälische Nachrichten vom 13.01.2018
Foto: Wilfried Gerharz / WN WN Westfälische Nachrichten vom 13.01.2018

Sechs Patienten, sechs unterschiedliche Befunde, eine Stunde Zeit. Wer als Medizinstudent aus der Limette kommt, weiß, was Stress ist. Und hat am Ende etwas Besonderes über seine Kompetenzen gelernt. Seit anderthalb Jahren gibt es das „Lernzentrum für ein individualisiertes medizinisches Tätigkeits-Training und Entwicklung“ der Medizinischen Fakultät Münster. Es ist bundesweit einzigartig, es ist noch nicht mal offiziell eingeweiht. Und seit Freitagabend mit dem Lehrpreis der Uni Münster ausgezeichnet.

Schauspieler simulieren Patienten
Könnte man von oben in das Gebäude hineinsehen, sähe man, dass es aussieht wie eine quer durchtrennte Limette. In der Mitte wird beobachtet, in den angedockten Tortenstück-Arzträumen drum herum werden „Patienten“ behandelt. Speziell trainierte Schauspieler sind das. „Die Situation muss sich echt anfühlen“, erklärt Studiendekan Prof. Bernhard Marschall. Jeder Raum ein Fall. Nach zehn Minuten rücken die Studierenden ein Zimmer weiter.  Bäumchen wechsle dich.

"Stress pur" sagt Studentiin Clarissa Zimmermann zum Testmarathon

An diesem Vormittag steht die Neurologie auf dem Programm. Clarissa Zimmermann, 23 Jahre alt, achtes Semester, hat den einstündigen Marathon gerade hinter sich. „Verdacht auf Demenz, Multiple Sklerose, Schlaganfall, Meningitis und Parkinson“, listet sie auf. Sieben Minuten Zeit für jeden Patienten. Das Erfassen des Krankheitsbildes, erste Maßnahmen, Zuwendung, Kommunikation. Darum geht es. „Stress pur“ sei das, sagt sie und lacht. Es lief offenbar ganz gut.

Im Simultanzentrum wird die Kompetenz getestet
In der Limette lernen angehende Mediziner keine praktischen Behandlungsmethoden. Das zu betonen ist Dr. Helmut Ahrens besonders wichtig. Mit seinem Team hat er sie konzipiert. Die Limette ist so etwas wie ein Kompetenzabfragezen­trum. „Es geht hier um Zutrauen und Anvertrauen“, sagt Marschall. Zutrauen als Selbsteinschätzung, Anvertrauen von Patienten als Fremdeinschätzung. Klingt akademischer, als es ist.

In der Limette stellen die Studierenden nach Fachbereichen und Semester differenziert unter Beweis, ob sie als angehende Ärzte schon Verantwortung für echte Patienten übernehmen dürfen oder eher noch zuschauen müssen. „Solche Kompetenzen können sie in einem Multiple-Choice-Test nicht ermitteln“, sagt der Studiendekan.

Sich selbst unter Beweis stellen ist das eine. Sich im Nachgang mit der Gruppe und deren Ergebnissen auseinandersetzen das andere. Die gemeinsame Manöverkritik ist zentral. Weil mancher Aspirant, der nach der Runde im Karussell noch vollmundig behauptet, eine Aufgabe sei nie und nimmer lösbar gewesen, am Ende womöglich feststellen muss, dass seine Mitstreiter einen Weg zu Ziel gefunden haben. „Selbstreflexion und Fehlermanagement“ nennt Ahrens das. Von einem „doofen Gefühl“ spricht Clarissa Zimmermann. Weil man vielleicht etwas nicht geschafft hat, das für andere kein Problem war. Und dann noch darüber reden muss.

5000 Studierende durchlaufen jährlich die "Limette"

Ab dem fünften Semester zwei Mal pro Halbjahr soll jeder, der in Münster Medizin studiert, ins Tortenstück-Spital. 5000 Studierende machen pro Jahr den Durchlauf. Für Zimmermann war es das vierte Mal. Nervös sei sie vorher eigentlich nicht gewesen, sagt sie. Als es aber losging, sie die erste Tür öffnete, den ersten Patienten sah, sei „der Blutdruck schon oben gewesen“.

Am Ende jedes Durchgangs seien die Studierenden „gut gebürstet“, sagt Ahrens. Kein Wunder, die Limette sei „die effektivste Lernveranstaltung, die man sich vorstellen kann“.

 Limette – bundesweit einzigartig
Das Rektorat der münsterischen Universität hat am Freitagabend den mit 30 000 Euro dotierten Lehrpreis stellvertretend an Dr. Helmut Ahrens verliehen, der mit einem 21-köpfigen Team das „Lernzentrum für ein individualisiertes medizinisches Tätigkeits-Training und Entwicklung“ (Limette) konzipiert hat. Mit dem Lehrpreis, der alle zwei Jahre verliehen wird, zeichnet die Westfälische Wilhelms- Universität „überdurchschnittliches Engagement und beispielhafte Leistungen in der Hochschullehre“ aus. Kern der Limette sind 24 kleine Arztzimmer. Alles, was dort passiert, wird auf Video festgehalten. Die Behandlungsräume sind im Kreis um eine zentrale Beobachtungseinheit (Rotunde) gebaut – sie sind nur aus der Rotunde heraus einsehbar. Aufgrund der einzigartigen Architektur ist es möglich, gleichzeitig 24 Studierende live dabei zu beobachten, wie sie innerhalb einer Stunde je sechs Patientenfälle aus einem bestimmten medizinischen Fachgebiet behandeln.