Studenten berichten: Pädagogik heißt Theorie statt praktische Erziehungstipps

Quelle/Text:  you only study once / Anna-Maria Nothelfer
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In unserer Reihe „Studenten berichten“ erzählen Studis über ihr Studium und geben Tipps für alle, die auch studieren möchten. Über das Studium der Erziehungswissenschaft und ihre Eindrücke dort, berichtet Anna-Maria Nothelfer, die in Wuppertal Pädagogik studiert. Sie sagt: Wer Erziehungswissenschaft studieren will, der lässt sich (…) grundlegend auf eines ein: Lesen! Lesen! Lesen! Und später dann auch: Schreiben! Schreiben! Schreiben! Außerdem rät Anna-Maria das Studium vor allem aus Interesse und Begeisterung für das Fach zu wählen, da sonst die große Gefahr besteht, sich ohne Spass lustlos durch die Veranstaltungen zu kämpfen.

Anna-Maria Nothelfer studiert Erziehungswissenschaft, Biologie und Philosophie in Wuppertal. Sie engagiert sich ehrenamtlich für das studentische Projekt you only study onceund möchte Schülern und Schülerinnen einen Einblick in ihren Studienalltag ermöglichen.

Wenn mich Leute fragen, was ich studiere und ich antworte „Erziehungswissenschaft“, dann höre ich entweder: „Oh, was ist das?“ oder „Ah, da lernt man doch, wie man Kinder erzieht“.

Wer bereits das Fach,oft auch unter dem Namen Pädagogik, in der Schule hatte, der weiß natürlich, dass man hier keine praktischen Erziehungstipps erwarten darf. Es hat aber, wie eben der Name verrät, schon etwas mit Erziehung und unter anderem auch mit Kindern zu tun.

Was erwartet euch nun in diesem Studium?

Erziehungswissenschaft ist meiner Meinung nach ein relativ breitgefächertes, gesellschaftstheoretisches Studium, das auch Bereiche der Soziologie, Psychologie und Philosophie schneidet. So hatte ich beispielsweise eine Vorlesung bei einer Psychologin, die uns verschiedene Theorien zur kognitiven/sexuellen/sozialen Entwicklung von Kindern vorgetragen hat. Pädagogik-Schüler wissen: Hier ist die Rede von Freud, Erikson und Co. Außerdem ist sie auf weitere Themen wie Motivation und Stress eingegangen. Soziologische und philosophische Einflüsse zeigen sich immer mal wieder in Texten und bei der Betrachtung von gesamtgesellschaftlichen Phänomenen.

Grundlegend ist natürlich die Behandlung typischer erziehungswissenschaftlicher Begriffe, wie Erziehung, Bildung und Sozialisation. Weitere wären Generation, Geschlecht, etc. Hier liest man einige Texte und beschäftigt sich mit der Bedeutung und Aktualität der Begriffe. Fragen, die man behandelt, können z.B. sein: „Warum muss der Mensch überhaupt erzogen werden? Was bedeutet eigentlich ‚Bildung‘ und wie sieht das aktuelle Bildungssystem aus? Wie wird der Mensch durch die Gesellschaft beeinflusst?“

Weitere Themen, die ich hatte, waren z.B.: „Soziale Arbeit und Bildung“, „Interaktion im schulischen Kontext“ oder „Kompetenzentwicklung als Ziel der Berufsbildung“. Die Schwerpunkte sind meistens von Uni zu Uni auch nochmals verschieden.

Wer Erziehungswissenschaft studieren will, der lässt sich aber grundlegend auf eines ein: Lesen! Lesen! Lesen! Und später dann auch: Schreiben! Schreiben! Schreiben! Das gilt aber auch für andere Fächer, wie Philosophie, Germanistik, etc.

Es gibt zwar Praxisbezüge, aber das Studium an der Universität zielt eben mehr auf eine theoretische Wissensbasis ab. Wer Theorie, Lesen und Schreiben scheut, der muss sich also genau überlegen, ob er das wirklich studieren möchte. Ein weiterer Themenkomplex ist aber beispielsweise auch das empirische Forschen, wo man Forschungsmethoden auch praktisch selbst ausprobieren kann. Außerdem ist bei uns an der Uni auch ein dreiwöchiges Praktikum in das Studium integriert, das man an einer pädagogischen Institution absolvieren soll. Ich war hier beispielsweise in einem Naturschutzzentrum, wo Kinder Umweltbildung erfahren können.

Wie man sich aber ansonsten ‚pädagogisch professionell‘ verhält, lernt man nur in der Theorie. Aber dann nicht als Anleitung für konkretes Handeln, sondern eher auf einer Meta-Ebene im Sinne von „Was ist überhaupt Professionalität? Welche Spannungsfelder können auftreten? Wie wird Professionalität institutionell geregelt?“.

Anna-Maria mag die fächerübergreifenden Ansätze des Studiums. Außerdem hält sie die theoretische Ebene des Pädagogik-Studiums für gesellschaftlich imens wichtig.

 

Was mir am Studium so gut gefällt?
Ich mag besonders, dass das Studium eben so interdisziplinär ist. Es gefällt mir, Texte von Kant, Rousseau und Bourdieu zu lesen, aber mich auch mit Sozialpädagogik, Didaktik und dem Bildungssystem zu beschäftigen. Außerdem finde ich das Fach unglaublich wichtig für unsere Gesellschaft. Durch mein Studium sehe ich manche Dinge, wie z.B. unser Bildungssystem, nun viel kritischer. Und wenn ihr vielleicht gerade dabei seid, die Schule zu beenden, dann werdet ihr vermutlich merken oder schon gemerkt haben, welch großen Einfluss diese pädagogische Institution auf euer Leben hatte. Pädagogische Einflüsse durchziehen unser Leben und gute Pädagogen können Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen so viel für das Leben mitgeben! Ob moralisch, lebenspraktisch oder sachlich – die Bedeutsamkeit der Pädagogik kann man nicht leugnen!

Deshalb finde ich es wichtig, dass es eine Wissenschaft gibt, die sich etwas vom pädagogischen Alltag zurückzieht, die Phänomene und aktuellen Entwicklungen auch theoretisch betrachtet, sie kritisiert, lobt und zur Verbesserung dieser beiträgt. Für mich steckt in der Erziehungswissenschaft wirklich das Potential zur Verbesserung der Gesellschaft! - Natürlich dann auch in der Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften.  

Aber was kann man denn nun mit ‚Erziehungswissenschaft‘ beruflich machen?
Ich persönlich habe mein Studium mit dem Gedanken begonnen, eventuell Gymnasiallehrerin zu werden. Da bei uns an der Uni Erziehungswissenschaft sowieso nicht als einziges Fach, sondern nur in Kombination mit einem weiteren Hauptfach studiert werden kann, hat sich das Lehramt auch angeboten. Mein zweites Fach war übrigens Biologie. Als zusätzliches Fach habe ich dann auch noch Philosophie begonnen. So hätte ich also Lehrerin für Pädagogik, Biologie und Philosophie werden können.

Ob Lehramt oder nicht, diese Entscheidung ist für den Bachelor aber noch gar nicht wichtig gewesen, da eben alle zusammen studiert haben. Ich habe auch Freunde, die z.B. Germanistik und Erziehungswissenschaft studiert haben, ohne Lehrer werden zu wollen. Der 2-Fach-Bachelor lässt einem somit noch einige Möglichkeiten offen. So richtig entscheiden muss man sich eigentlich erst im Master und da gibt es total viele Spezialisierungsmöglichkeiten.

Um Pädagogik-Lehrer zu werden, müsste man den „Master of Education“ wählen. Wer das nicht möchte, hat deutschlandweit noch unzählige Möglichkeiten für andere Master. Man kann in die Weiterbildung, Erwachsenenbildung, Kinder- und Jugendhilfe, Empirische Bildungs-, Schul-, Geschlechter-Forschung, Beratung und vieles mehr. Das Berufsfeld ist breit gefächert. Generell ist es nicht wirklich festgelegt, als was man als Erziehungswissenschaftler später arbeitet.

Ich bin mir mit dem Lehramt immer noch unsicher, da ich eben auch das philosophische, bildungswissenschaftliche Forschen oder bildungsbezogene Beratungsfelder spannend finde und habe mich deshalb erst einmal für den Master „Bildungstheorie und Gesellschaftsanalyse“ bei uns in Wuppertal entschieden. Ich finde den Beruf des Lehrers aber auch ziemlich wichtig und deshalb schließe ich nicht aus, eines Tages vielleicht doch wieder zum Lehramt zu wechseln. Man wird ja sehen, was die Zukunft bringt. (Hier lächelt die Autorin. Anmerkung der Redaktion)

Allgemeiner Tipp!

Ich würde euch raten, euer Studium vor allem aus Interesse und Begeisterung für das Fach zu wählen! Beruflich gibt es so viele Möglichkeiten und oft lernt man diese auch erst während des Studiums richtig kennen! Wer sein Studium nur mit dem Ziel eines speziellen Berufes studiert, sich aber für die theoretischen Inhalte des Faches nicht interessiert, der hat meiner Erfahrung nach keinen Spaß am Studieren und kämpft sich lustlos durch alle Veranstaltungen. Dabei kann das Studium so eine tolle, lern- und erfahrungsreiche Zeit sein und ich würde euch wünschen, dass ihr euch die Chance gebt, genau diese schöne Zeit zu erleben!

Ok, Prüfungsstress, Leistungsdruck und gelegentlich langweilige Texte und Veranstaltungen gehören wohl leider auch manchmal dazu, aber grundsätzlich kann das Studium ein richtig toller Lebensabschnitt sein, wenn ihr ihn dazu macht! Setzt euch nicht zu sehr unter Druck, seid neugierig, begeistert und mutig – dann habe ich keine Bedenken, dass euer Studium euch richtig gut gefallen wird.

You only study once - wer und was ist das!

You only study once (yoso) ist ein kleines Netzwerk von Studierenden, die sich für Schülerinnen und Schüler als Ansprechpartner bereitstellen, um aus der Studienrealität zu berichten. Die Mitglieder von you study only once kommen aus verschiedenen Studiengängen und studieren an unterschiedlichen Hochschulen. Anliegen des Netzwerkes ist es, den Übergang von der Schule zur Hochschule leichter zu machen.

You only study once hat bereits kleine interaktive Messen an Schulen veranstaltet oder an Berufsorientierungen teilgenommen. Wer im Umkreis Mettmann, Wuppertal oder Düsseldorf wohnt, kann auch Mitglieder des Netzwerkes an seine Schule einladen! Bei den gemeinnützigen Veranstaltungen ist ein Studierenden-Team vor Ort, das an kleinen Messeständen zu ihrem Studiengang informiert.

Wer nicht im Umkreis der genannten Städte wohnt, kann über die Facebook-Seite Kontakt zu dem Studierenden-Netzwerk aufnehmen oder sich auf der Homepage informieren:

www.youonlystudyonce.de